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Filmreihe 2007 /
2008 Film, Raum, Architektur 14.10.07
„Das Cabinet des Dr.Caligari“ 28.10.07
„Metropolis“ 11.11.07
„In den Fesseln von Shangri-La“ 25.11.07
“Fountainhead“ 13.01.08
„Mon Oncle“ 27.01.08
„Playtime“ – Tatis herrliche Zeiten 17.02.08
„Alphaville“ 13.04.08
„Traumstadt“
27.04.08
„My Architect – a Son´s Journey“ Daten: Uraufführung im Februar 1920, Marmorhaus in Berlin, 1921
in New York Story: Die Geschichte beginnt in einem
Irrenhaus und endet in ihm. Ein Irrer erzählt einem anderen Irren folgende
Geschichte: In einer fiktiven Stadt in Norddeutschland („Holstenwall“)
stellt Dr. Caligari auf dem Jahrmarkt den somnambulen (schlafwandelnden) Cesare
zur Schau. Zeitgleich geschieht ein Mord. Der Student Alan, der die Vorführung
sieht, wird kurz darauf ebenfalls ermordet. Sein Freund Franzis hegt den
Verdacht, der somnambule Cesare habe den Mord im Auftrag von Dr. Caligari
begangen. Im Verlauf der weiteren Handlung scheint Cesare Jane, Franzis' und
Alans Freundin, töten zu wollen, doch er besinnt sich eines anderen und entführt
sie stattdessen. Er wird entdeckt, flieht und stirbt bei der Verfolgung vor
Erschöpfung. Dr. Caligari flieht ebenfalls. Seine Flucht endet in einem Gebäude,
das sich als Irrenhaus herausstellt, dessen Direktor er zu sein scheint. Ihm
folgend entlarvt Franzis ihn als Irren. Daraufhin wird Dr. Caligari in eine
Zwangsjacke gesteckt. Zuletzt ist aber nicht Dr. Caligari der Irre, sondern
Franzis. Und auch Jane und Cesare befinden sich als Insassen in diesem
Irrenhaus. Daten: Uraufführung am 10.1.1927 im UFA Kino am Zoo in Berlin Story: Der Film zeigt die
Zukunftsvision einer Stadt und ist damit einer der ersten Science-Fiction-Filme.
Das Leben spielt sich auf getrennten Ebenen ab: Die Oberschicht lebt oben in
hellen paradiesischen Gärten, während die Unterschicht in einer dunklen
Unterwelt wohnen muss. Die Story beginnt auf einer mittleren Ebene, einer Art
Arbeitsebene mit grossen Maschinen. Der Film erzählt von dem Zusammentreffen
zweier junger Menschen aus unterschiedlichen sozialen Schichten und von einer
Krise zwischen Arbeitern und Herrschern. Freder, der Sohn des Herrschers über
Metropolis, lernt Maria kennen, die Tochter eines Arbeiters, als sie einer Schar
Kinder die oben gelegenen Gärten zeigt. Durch Maria lernt er zum ersten Mal die
Welt der Arbeiter kennen. Freder macht seinen Vater auf die schlechten Verhältnisse
für die Arbeiter aufmerksam. Maria wird vom Vater jedoch als Aufrührerin
gesehen, die er aus dem Weg räumen muss. Zu diesem Zweck fordert er den
Erfinder Rotwang auf, dem bereits von ihm entwickelten weiblichen
Maschinenmenschen das Aussehen von Maria zu geben. Diese Maria-Maschine löst in
der Folge der Handlung auf allen Ebenen von Metropolis grosses Chaos aus. Durch
den Ausfall der großen Elektrizitätsmaschine wird die gesamte Unterwelt überflutet.
Nach dem Tod des Erfinders kommt es durch die Vermittlung von Freder und Maria
doch zu einer Versöhnung zwischen den Arbeitern und dem Herrscher von
Metropolis, zwischen Kopf und Hand, wie Maria sagt.
Daten: Uraufführung am 3.März 1937 in Los Angeles Story: Der Film schildert die Flucht
einer Gruppe westlicher Besucher aus China während eines Bürgerkrieges. Das
Flugzeug, das sie zurück nach England bringen sollte, wird jedoch entführt.
Nach einer Bruchlandung in den tibetanischen Bergen werden sie über verschneite
Pässe in ein paradiesisch schönes Tal namens Shangri-La gebracht. Hier leben
die Menschen in völliger Gewaltlosigkeit in einem gemeinsamen Glauben zusammen.
Der Friede des Tales wird durch ein mildes Klima und den Überfluss an irdischen
Gütern unterstützt. Bedingt durch die Lebensweise und das milde Klima scheint
man in diesem Tal nicht oder nur sehr langsam zu altern. Die entführte Gruppe
wird sehr gut untergebracht und vorzüglich bewirtet. Robert Conway, der sich
als zukünftiger Aussenminister Englands wähnt, wird vom dortigen religiösen Führer,
dem Lama, als Nachfolger erwählt. Convay fühlt sich im Tal sehr wohl und möchte
die Herausforderung annehmen. Die anderen Mitreisenden akzeptieren nach einer
schwierigen Eingewöhnungszeit ihre Zukunft in diesem Tal ebenfalls. Nur George,
der Bruder Conways, will unbedingt das Tal wieder verlassen und glaubt, dass er
dort gefangen gehalten werde. Diese Befürchtung wird von einer Frau unterstützt,
die sich als Gefangene ausgibt. Conway willigt ein, den Bruder auf seiner Flucht
zu begleiten, obwohl er sich gerade in eine sehr schöne Frau verliebt hat und
eigentlich lieber dort bleiben würde. Auf der Flucht über die verschneiten
Berge altert die neue Freundin des Bruders in kurzer Zeit und stirbt. Auch der
Bruder kommt ums Leben. Nur Conway erreicht England. Nach kurzem Aufenthalt
beschliesst er jedoch, wieder in das Tal Shangri-La zurückzukehren. Nach
unglaublichen Strapazen erreicht er sein Ziel und die geliebte Frau. Bei der
Restaurierung des Films fand man zwei unterschiedliche Versionen der Schluss-Szene.
Daten: Uraufführung am 21.6.1949 in Los Angeles Story: Howard Roak, ein junger
Architekturstudent, wird vom Dekan der Universität verwiesen, weil er sich
nicht an den Architekturstil der Universität anpassen will. Er findet Arbeit
bei einem modernen Architekten und macht sich später selbstständig. Weil er
unbedingt modern bauen will, bekommt er nur wenige Aufträge, muss sogar
zeitweise sein Büro schliessen und in einem Steinbruch arbeiten. Dort lernt er
die schöne Journalistin Dominique kennen. Aus Angst vor der Abhängigkeit in
der Liebe heiratet sie nicht Howard Roak, sondern den Chef der Zeitung, bei der
sie arbeitet. Howard Roak hat immer mal wieder einen Auftrag und kann sogar grössere
Bauvorhaben ausführen, u.a. ein Wohnhochhaus im modernen Stil, später auch ein
Wohnhaus für Dominique und ihren Mann. Als sein ehemaliger Studienfreund ihn
bittet, ihm - ohne Nennung seines Namens - bei einem Wettbewerb zu helfen,
willigt er ein. Howard Roak stellt aber die Bedingung, dass sein Entwurf im Ausführungsprozess
nicht verändert wird. Während der Bauzeit ist Howard Roak nicht in
der Stadt. Als er zurückkommt, ist das Befürchtete geschehen: Sein Entwurf war
ohne seine Einwilligung verändert worden, aus seiner Sicht verschandelt. Er
sieht sich nun berechtigt, den ganzen Gebäudekomplex zu sprengen, Dominique
hilft ihm dabei. Er wird verhaftet, in der Gerichtsverhandlung nach einer längeren
Verteidigungsrede aber freigesprochen. Daten: Uraufführung am 9.5.1958 in Cannes, 10.5.1958 Paris Story: Monsieur Hulot lebt in einer
romantischen Dachgeschosswohnung in einem alten Stadtquartier. Hier kennt jeder
jeden, es gibt einen Gemüsehändler und einen Strassenkehrer und zum
telefonieren geht er ins nahe gelegene Bistro. Zu seiner Wohnung in diesem
verschachtelten Gebäude gelangt er auf wundersame Weise wahrscheinlich über
verschiedene Treppenhäuser. Manchmal besucht er seinen Neffen Gérard, der mit
seiner Mutter, Hulots Schwester, und seinem Vater in einem modernen
Einfamilienhaus am Rande der Stadt wohnt. Das moderne Einfamilienhaus der Apels
ist ein sehr futuristisches Haus mit viel fortschrittlicher Ausstattung, z.B.
mit einer voll automatischen Küche. Der Mann fährt zur Arbeit, die Frau kocht
und macht das Haus sauber. Der Junge kommt von der Schule. Die Familie macht
einen kleinbürgerlichen Eindruck, mit dem Kind beschäftigten sie sich kaum.
Mit grossem Ernst versuchen die Apels, den Vorgaben des Architekten, wie sie
sich in diesem Haus zu verhalten haben, nachzukommen, doch das Haus wirkt
unbewohnt, kalt und ungemütlich. Ordnung und Sauberkeit spielen hier eine grosse
Rolle. Selbst das Kinderzimmer wirkt aufgeräumt, kalt und leer. Eine große
Rolle spielt auch das Auto als Mittelpunkt des Lebens der Familie Apel. Die
ausgefeilte Technik des Garagentores führt dazu, dass ihr Hund sie in der
Garage einschliesst. Extrem lebensfeindlich und künstlich wirkt der streng
geometrische Garten. Aus Sparsamkeitsgründen wird der Springbrunnen mit
elektrisch betriebener Fontäne in Form eines Dephins nur in Betrieb genommen,
wenn Gäste kommen. Bei einer kleinen Gartenparty möchte die Schwester ihren
allein lebenden Bruder mit der Nachbarin verkuppeln und ihm, dem arbeitslosen
Junggesellen, eine Arbeit verschaffen. Deshalb bittet sie ihren Mann, ihn in
seiner Fabrik anzustellen. Auch die Plastikröhrenfabrik, dessen Inhaber Herr
Apel ist, sieht innen wie außen extrem modern und technisch optimiert aus.
Monsieur Hulot tut ihr den Gefallen, doch durch eine Unachtsamkeit verursacht er
ein totales Chaos. Zum Schluss wird er ins Ausland geschickt. Die distanzierte
Beziehung zwischen Vater und Sohn lockert sich, als Monsieur Hulot wegfährt.
Daten: Uraufführung 1967 in Frankreich/Italien, 14.8.1968 in
Deutschland Story: Monsieur Hulot ist, wie bei „Mon
Oncle“, wieder die zentrale Figur des Films. Der Film beginnt in einem
Flughafen, der so steril gestaltet ist, dass man ihn auf den ersten Blick für
ein Krankenhaus hält. Eine junge Frau reist mit einer Touristengruppe in
Paris-Orly an. Monsieur Hulot macht zufällig die Bekanntschaft dieser jungen
Dame. Er selbst ist auf der Suche nach einem Monsieur Giffard. Er fragt in einem
modernen Bürohochhaus nach ihm, er muss auf seltsam modernen Sesseln warten und
verpasst ihn immer wieder, einmal, weil er versehentlich in einen Aufzug
einsteigt. Monsieur Hulot verirrt sich in dem grossen Bürokomplex und gerät
ungewollt in eine Art Möbel-, Büro- und Hausgeräteausstellung. Auf seinen
Irrwegen in der Stadt trifft er immer wieder die junge Touristin vom Flughafen.
Abends lädt ihn ein Bekannter zu sich nach Hause ein. Das Haus, in dem er
wohnt, hat riesige Fenster: von der Strasse kann man seine ganze Wohnung überblicken,
wie auch die Wohnungen der anderen Hausbewohner. Absurderweise machen alle
Bewohner des Hauses dasselbe, sie schauen fern. Monsieur Hulot besucht die
Einweihungsfeier eines neuen Restaurants. Als die Gäste eintreffen, sind die
Ausbauarbeiten noch nicht abgeschlossen. Durch eine Reihe von Pannen wird der
Abend zum Chaos und die gesamte Einrichtung des Restaurants demoliert. Immer
wird der Architekt gerufen, der das Problem schnell beheben soll. Wie auch im Bürokomplex
stehen die Menschen vor Schaltanlagen und wissen nicht, welchen Knopf sie drücken
sollen. Sie sind von der Technik überfordert. Am anderen Morgen reist die junge
Touristin mit ihrer Gruppe wieder ab. Der Bus bringt sie zum Flughafen zurück.
Monsieur Hulot schenkt ihr zum Abschied einen Strauss Maiglöckchen, dieser
Strauss ähnelt den Strassenlaternen auf dem Weg zum Flughafen. Das Schlussbild
ist ein Kreisverkehr voller Autos und Motorräder, der wie ein Kinderkarussell
wirkt. Daten: 1965 Frankreich 98 min s/w Story: Alphaville ist eine fiktive
Stadt in der Zukunft, doch sie ist aus Bildern des Paris der 60er Jahre
zusammengesetzt. Diese Stadt steht unter der Kontrolle von Professor VonBraun.
Mit Hilfe eines zentralen Grosscomputers (Alpha 60) werden alle Menschen dieser
Stadt von ihm gesteuert. Jede Art von Gefühl, ob Liebe oder Schmerz, wird
bestraft. Moderne Glaskonstruktionen, Stahlwendeltreppen, Computerräume
schaffen eine Atmosphäre eines coolen Überwachungsstaates. Der Protagonist
Lemmy Caution ist Privatdetektiv oder Spion aus den internationalen Gebieten. Er
verliebt sich in die Tochter von Professor VonBraun und flieht mit ihr. Daten: Uraufführung 15.11.1973, Deutschland Story: Ein finanziell gut gestelltes Münchner
Künstler-Ehepaar ist auf der Suche nach einem Leben ohne gesellschaftliche Zwänge.
Sie erhalten eine Einladung an einen ihnen unbekannten Ort, wo sie glauben,
sorglos und frei leben zu können. Mit verbundenen Augen bringt man sie per
Flugzeug in eine ihnen unbekannte Stadt in der asiatischen Wüste. Diese Stadt
hat Ähnlichkeiten mit einer mitteleuropäischen Fachwerkstadt. Die Bewohner
dieser Stadt leben ungezwungen und frei von allen gesellschaftlichen Regeln.
Niemand muss mehr einer Erwerbsarbeit nachgehen. Das Fehlen der täglichen
Arbeit bringt aber Langeweile mit sich. Manche arbeiten in einer Fabrik; deren
Produkte (Tonvasen) werden, weil sie nicht gebraucht werden, am Ende des Fließbandes
wieder zerstört. Andere leben ganz offen ihre geheimen Wünsche und
teilweise perversen Phantasien aus. Das Ehepaar geht getrennte Wege. Er beginnt
eine Beziehung mit einem jungen Mädchen. Es dauert nicht lange, bis rücksichtloses
und gewalttätiges Verhalten die Oberhand erlangt haben. Wir werden Zeugen des
Zusammenbrechens dieser scheinbar so heilen Welt. Der Traum wird zum Alptraum,
zum apokalyptischen Szenario, zur Horrorvision. Die Stadt geht im Chaos der
Zerstörung unter.
Daten: Uraufführung 12.11.2003 USA „My Architect“ ist ein
Dokumentarfilm über den Architekten Louis Kahn. Er wurde 1901 in Estland
geboren und gilt als einer der bedeutendsten Architekten der zweiten Hälfte des
20. Jahrhunderts. 1974 fand man den ehemaligen jüdischen Einwanderer tot in der
Herrentoilette der New Yorker Penn-Station. Drei Tage lang versuchte man seine
Familie ausfindig zu machen, denn er hatte seine Adresse aus seinem Pass
herausradiert. 1999, 25 Jahre nach seinem Tod, begibt sich sein nichtehelicher
Sohn Nathaniel auf die Reise, seinen Vater wieder zu finden und seine
Architektur zu verstehen. Wegbegleiter werden befragt und Bauten aus den Jahren
1951 bis 1974 besichtigt. Der Sohn stellt sich die Frage: Wer war dieser Mann?
Er hatte dünne Haare, ein vernarbtes Gesicht. Im Alter von drei Jahren war er
als Kind vom Glühen im Kamin so sehr fasziniert, dass er sich ein Stück
herausnahm und es in seine Tasche steckte. Er begann lichterloh zu brennen. Man
konnte ihn retten, doch die Narben kennzeichneten ihn ein Leben lang. Mit den
Eltern emigrierte er im Alter von 4 Jahren in die USA und kam nach Philadelphia.
Als er noch ein Kind war, zogen die Eltern in der Stadt Philadelphia 17mal um.
Musikalisch wie auch zeichnerisch begabt, erhielt er ein Stipendium für das
Architekturstudium an der Universität von Philadelphia. Nach seiner Heirat ernährte
seine jüdische Frau das Ehepaar mit Arbeit in einem Krankenhaus. Nach zehn
Jahre Ehe bekamen sie eine Tochter. In dieser Zeit malte und zeichnete er,
auf der Suche, was seine Bestimmung sei. Erst nach einer Reise nach Europa und
Afrika fand er sie. Inspiriert von den Pyramiden, dem Parthenon-Tempel, von Ägypten
und Griechenland eröffnete er sein eigenes Büro. In seiner Arbeit wird er als
kompromisslos und geradezu fanatisch geschildert. Er verbrachte Stunden und Tage
im Büro, vergass die Zeit, ob es Tag oder Nacht war. War er müde, rollte er
einen kleinen Teppich aus und schlief im Büro. Nachts um drei rief er einen
Mitarbeiter an, nur um ihm zu sagen, dass das Modell völlig misslungen war, das
dieser in den letzten drei Tagen und Nächte gebaut hatte um - dann sofort
wieder aufzulegen. In erster Linie war ihm die Perfektion
in der Arbeit wichtig. Er kam mit Plänen an die Baustelle, wollte jeden Kopf
einer Schraube bestimmen, hielt den Arbeitern Vorträge statt ihnen
pragmatisch zu erklären, was zu machen sei. Die Pläne waren aber oft
durch den Baufortschritt überholt: Er kam zu spät. Vincent Scully sagte, dass
Kahn es für den g&oum;ttlichen Auftrag des Menschen hielt, die Perfektion auf
Erden zu schaffen. Vielleicht fand er in den rigiden Formen des Kreises und des
Quadrats die Ruhe, die er im Leben vermisste, die Dauer, die er nirgends sah,
die Beständigkeit, die er nie erlangt hatte. Die Kraft seiner Architekturformen
erdete vielleicht nicht nur ihn, sondern möglicherweise auch diejenigen, die
mit diesen Gebäuden umgingen, in ihnen lebten und arbeiteten. Die große Form,
die er allerorten wagte - wenn er denn mal einen Bauherrn fand, der ihm seine
Ideen finanzierte - war monumental, aber nicht Furcht erregend. Seine Bauten
sind von einer freundlichen Erhabenheit. Die Nutzbarkeit dieser Gebäude liess
sich hier und da in Frage stellen, besonders zu Beginn seiner Arbeit. Die grosse
Form war nicht immer die ökonomisch sinnvollste Lösung. Am eindrücklichsten
zu sehen ist dies beim Parlamentsgebäude in Bangladesh. Eines der ärmsten Länder
leistet sich so etwas wie eine Burg, wie ein Schloss, baut 23 Jahre unter den
abenteuerlichsten Bedingungen daran. Kahn kümmerte sich nicht darum, ob das
Geld oder die technischen Mittel für die Vollendung seines Entwurfes vorhanden
waren. Trotzdem ist man mit seiner Arbeit sehr zufrieden. Zu seinem Büroteam gehörte auch eine
Frau. Während der Arbeit kam man sich näher. Als sie schwanger war, musste das
"malheur" verschwiegen werden. Sie fuhr nach Rom, um dort heimlich das Kind
zu bekommen. Kahn verließ seine angeheiratete Frau nicht, er verdankte ihr zu
viel. Nachdem diese Neben-Beziehung zu einem Ende gekommen war, begann er
abermals eine Beziehung mit einer Angestellten und auch sie bekam ungewollt ein
Kind. Es war Nathaniel. Als Louis Kahn starb, war sich die Frau sicher, dass
Kahn an diesem Tag auf dem Weg zu ihr war und nun endlich zu ihnen ziehen würde,
um in Zukunft mit ihnen zu leben und dass er deshalb die Adresse aus seinem Pass
herausradiert hatte. Bei der Beerdigung sollten nach dem Willen der Ehefrau
Kahns die unehelichen Kinder und die Freundinnen nicht am Grab stehen. Sie taten
es dennoch und wurden zur Seite geschoben. Doch sind diese Frauen in keiner
Weise verbittert. Sie hegen keinen Groll gegen Kahn, auch wenn er sich nie zu
ihrer Beziehung bekannt hatte, auch wenn er sie nie zu den Eröffnungen und
Grundsteinlegungen mitnehmen konnte, auch wenn sie manchmal sogar in einem
kleinen Raum im Büro eingeschlossen wurden, damit seine Frau nichts von ihrer
Existenz erfuhr. Sie bereuen nichts, das war der Preis für die gemeinsame
Arbeit und dafür, überhaupt mit ihm zusammen sein zu dürfen. Die ausserehelichen
Beziehungen liessen sich gut verheimlichen, da Kahn viel auf Reisen war, denn
seine Bauten stehen überall auf der Welt. War er gerade mal drei Tage im Büro,
musste er schon wieder weg. Er war ständig unterwegs, ein moderner Nomade. Er
hatte keinerlei Eigentum. Bei seinen Frauen blieb kaum etwas zurück, ausser
einer Krawatte. Bei seinem Tod hinterliess er 500 000 Dollar Schulden. Er war
erfolgreich, sagt der chinesische Architekt Pei, weil er nur einige wenige
Meisterwerke baute, statt viele gewöhnliche Bauten. Qualität statt Quantität.
Für Frank Gehry war er ein Vorbild, weil er der erste war, der der Langeweile
und der Monotonie der Moderne etwas entgegensetzte. Kahn stand an der Schwelle
zur Postmoderne und hätte sie dennoch wahrscheinlich nie akzeptieren können.
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